Hoch die Tassen

Bis zum 22. Oktober lädt das Archäologische Museum Hamburg ein zur Blogparade über den privaten Blick auf die Kultur. Die bislang veröffentlichten Beiträge haben mir gut gefallen und Lust darauf gemacht, den eigenen Senf dazu zu geben.



Scherben bringen dem Museumswissenschaftler Glück

Immer wenn bei uns im Ort ein Neubaugebiet frei gegeben wird, haben die Archäologen das Recht des ersten (nicht immer medial beachteten) Spatenstichs und dürfen sich auf die Suche nach der untergegangenen Kultur unserer Vorfahren machen. So vermutete man unter unserem Hemo-Gelände einen alten Hof. Und auch dort wo im nächsten Jahr neue Pendlerparkplätze und ein neues Gartencenter entstehen soll - in der Nähe des Hittfelder Bahnhofs - wird fleißig gebuddelt. Fündig wurde man im neuen Gewerbegebiet, wo man die Überreste eines kompletten Hauses ausgegraben hat. 

Zur Feststellung der Entstehung ziehen die Wissenschaftler Scherben von Keramiken heran, anhand derer man feststellen kann, wann Menschen in diesem Haus lebten. 

Denn jede Zeit hat ihr eigenes Geschirr, ihr eigenes Muster - von der Steinzeit bis in die heutigen Tage.


Mein #Kultblick - Keine Scherben bringen auch Glück

Als ich vor ein paar Tagen zum ersten Mal die Einladung zur Blogparade las, wollte ich zunächst über die Kunst im öffentlichen Raum schreiben, den Beitrag habe ich schon länger im Kopf. Aber als ich so aus meiner Kaffeetasse einen Schluck nahm und sie neben den PC stellte, fiel mir auf, wie sehr doch unsere Kultur mit unserem Geschirr noch immer verbunden ist. Geschirr unterliegt Mode und Zeitempfinden. Und jeder Historiker kann anhand der Form und Größe der Schwerter im Logo Meißner Porzellan in Zeit und Kultur einordnen.



Kakaotasse vom Sohn

Genau so geht das auch mit unseren Kaffee- und Teebechern, die sich in jedem Haushalt ansammeln. Ob als Geburtstagsgeschenk von den Kollegen oder als Mitbringsel aus dem Urlaub. Becher bestimmen die Jahreszeit, tragen mal mehr oder weniger sinnige Sprüche oder zeigen als Merchandising ihre Botschaft.
Liebe ist die Botschaft



Berlin - mal kitschig - mal teuer (weiße Tasse mit Untertasse vom Käfer oben auf dem Reichstag) 
Mit Kaffee, Tee und Glühwein durch die Jahreszeiten

In meinem Haushalt gibt es unzählige Becher, teilweise noch aus meinem ersten Haushalt, um die 40 Jahre alt. Von Zeit zu Zeit landet mal ein angeschlagenes Stück im Müll oder ein paar ausgesonderte  wandern in den Keller. Meine Kriterien sind mir da selbst manchmal rätselhaft. Bislang hat die älteste Tasse aus dem Urlaub in Bayern - gekauft in einer kleinen Töpferei  - am längsten überlebt (auf dem Foto ganz rechts). Daneben der Becher mit dem Sohn Nummer 2 aus den Urzeiten des Internets und der ersten Fotodrucke auf Porzellan. Aus dem Becher mit dem Cowboy könnte einstmals Helmut Schmidt getrunken haben, der auf Fuerteventura im Hotel Tres Islas einst geurlaubt haben sollte. Und sicher auch im Grillrestaurant El Western eingekehrt wäre. Den Becher bekam ich dort in den 70ern geschenkt


Der neueste "heiße Scheiß" sind Becher, die für den Coffee Togo die Müllberge produzierenden Pappbecher ersetzen sollen. So führt der Kulturwandel des gemütlichen Kaffeetrinkens zum rastlosen Hasten im morgendlichen Berufsverkehr und zu einer völlig neuen Kultur des Genusses. 

In unserer Firma hat man uns aus hygienischen Gründen viel von der individuellen Kultur des Bürobechers mit Statement genommen. Der mitunter ja recht faule Büromensch muss nicht mehr selbst abwaschen und nimmt sich pro Tasse Kaffee oder Tee einfach eine neue unbeschmutzte Tasse aus dem Schrank. In einer Bürowelt des Shared Places und Co-Working bleiben nur noch die Kaffeeränder auf den Schreibtischen. 

Letzte Individualisten widerstehen der weißen Einheitlichkeit....

... oder degradieren ihren Becher zum Stiftehalter


Kommentare

  1. Hach, das finde ich mal einen sehr erfrischenden #KultBlick - ja, solche Tassen mit besonderen Erinnerungen an Menschen und Geschehnissen gibt es auch bei mir. Danke dir für diesen Kulturblick.

    Herzlich,
    Tanja

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  2. Mon!
    Auch hier im Archäologischen Museum Hamburg haben sich so einige Tassen-Individualisten gefunden! Kommt nicht in die Tüte eine fremde Tasse zu benutzen ;)
    Dankeschön für deinen persönlichen Beitrag und die tollen Einblicke in deine Tassen-Sammlung!

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